Was bedeutet Genuss? Eine höhere Lebensqualität? Allein das Wort liest und hört man so oft, dass es schon einen abgestandenen Nachgeschmack bekommt. Ist er essentiell, brauchen wir ihn, um Gutes überhaupt wahrzunehmen?

Mit Genussfaktor verkauft sich so manches besser, das wissen wir aus der Werbung, und dabei muss es sich nicht um Essen handeln. Eine Reise, die neue Toilettenduftnote oder Sparlampen mit Wohlfühllicht versprechen mehr Genuss und damit puren Luxus in Form gesteigerter Lebensqualität. Und eben diese vermissen viele Menschen in ihrem, von Stress und Leistungsdruck geprägtem Alltag. Genuss bedeutet gefühlte Zeit für etwas Gutes zu haben. Sich kostbare Zeit zu nehmen für ein kostbares Erlebnis. Denn Menschen verbinden mit Genuss mit einer äußerst positiven Empfindung, einer Sinneserfahrung, die sich das Gehirn notiert. Natürlich ist es unterschiedlich, wem was gefällt, geprägt unter anderem von individuellen Erfahrungswerten. Vergleichbar auch mit Spinat: für die einen der Alptraum der Kindheit, für die anderen das beste Grün auf dem Teller. Auf der einen Seite gibt es die Feinschmecker, die kulinarischer Verführung nicht widerstehen können, während andere geistigen Genüssen wie Musik erliegen. Es gibt aber auch Genüsse, die von einem Zeitgeschmack hervorgerufen werden. Willst du schick sein, dazugehören, dann musst du dabei sein! So begegneten die großen Stars der alten Leinwände ihrem Publikum paffend cool, nicht einmal im Tennisdress am eleganten Cabriolet lehnend ohne Zigarette im Mund. Kulturväter mit Pfeife, Geschäftsleute mit dicker Zigarre oder die gepuderte Damenwelt mit edler Zigarette, zumindest bis fast zu den 90er Jahren als die Aktionsbewegung für mehr Gesundheit startete, ganz ohne Zigarette. Rauchen ist eben kein Genuss mehr, sondern ein teuflisches Zeug, das zum Tod führt. Ein Raucher ist kein Genießer, sondern ein Süchtiger, unkultiviert, inkonsequent und ein schlechtes Vorbild, wird mit erhobenem Zeigefinger getadelt.

Am häufigsten wird Genuss mit der Ess- und Trinkkultur verbunden, Genussmittel sind auch Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao und alkoholische Getränke. Zunehmend verbinden Menschen mit Genuss auch den Aufenthalt in der Natur, Zeit mit der Familie oder mit Wellness.

Wie führt man ein genussvolles Leben? Epikur gilt als Begründer einer Philosophie des Genusses, des Epikureismus, dessen Lebensziel ein „lustvolles Leben“ war. In bewusster Abgrenzung zu Platon und den Stoikern ist die Philosophie Epikurs diesseitig orientiert.

Epikur empfahl seinen Anhängern, das Leben möglichst optimal zu genießen. Anders jedoch als die Hedonisten, sah er den höchsten Genuss nicht in der Zügellosigkeit, sondern in der Beschränkung auf das Wesentliche sowie der Orientierung am rechten Maß. Genuss ist notwendig, aber wortwörtlich „mit Vorsicht zu genießen“. Voraussetzung für wahren Genuss ist die Genussfähigkeit, begleitet von einer persönlichen Grenzsetzung. Aus der Psychiatrie ist bekannt, dass schwere Depressionen bei Patienten begleitet werden von einer ausgeprägten Genussunfähigkeit, also auch dem Verlust der Fähigkeit, sich an irgendetwas zu erfreuen oder Vergnügen zu empfinden. Andererseits ist in populärwissenschaftlichen Publikationen auch die Rede von Genusssucht, vor allem bei Jugendlichen, womit ein ständiges Verlangen nach neuen Reizen oder Reizsteigerung gemeint ist.

Obgleich der Genuss individuell erlebt wird, kann man nicht nur kulturelle und soziale Unterschiede feststellen., besagen zwei Studien. Nach einer Studie des Instituts für Genussforschung aus dem Jahr 2000 gibt es beim Genießen geschlechtsspezifische Unterschiede. Das Genussempfinden von Frauen sei differenzierter und anspruchsvoller, so ein Ergebnis. Befragt wurden bundesweit 300 Personen. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2004 ergab geschlechtsspezifische Unterschiede, und zwar im Hinblick darauf, welche Aktivitäten mit dem Begriff Genuss verbunden werden, wobei er überwiegend als Synonym für Entspannung aufgefasst wurde. Frauen entspannen sich danach vor allem beim Kaffeeklatsch, bei Wellness-Angeboten und beim Einkaufen, Männer dagegen im Fußballstadion, beim Sport oder in der Kneipe. Als wichtigste Alltagsgenüsse bezeichneten Frauen das Kaffeetrinken und „Nichtstun“, während Männer am liebsten Musik hören oder essen gehen. Die Autoren der Studie haben die Befragten in vier Genusstypen eingeteilt: die so genannten Couchgenießer (36 %), die Geschmacksgenießer (27 %), die Erlebnisgenießer (17 %) und die Alltagsgenießer (17 %).

Genuss beschäftigt also Frauen und Männer, Forscher, Medien, Medizin, Gastrononomie, Industrie… . Er eröffnet ein weites Themenfeld, aber zumindest bei einer Sache sind sich am Schluss alle einig. Wie Johann Wolfgang von Goethe es auf den Punkt brachte:

„Kein Genuß ist vorübergehend; denn der Eindruck, den er zurückläßt, ist bleibend.“

Johann Wolfgang von Goethe