Ich lese und schreibe über diese wunderbare, herzerwärmende Weihnachtszeit. Persönlich bin ich kurz nach Silvester endlich in Stimmung zum Feiern. Ist ja alles geschafft! Denn genau 4 Wochen vor dem Jahresende nimmt der Irrsinn, auf den wir unterm Jahr unweigerlich zusteuern, an Fahrt auf. Dieses Gewusel an Aufgaben, Pflichtterminen und Händeschüttler-Guteswetterplausch-Feierlichkeiten, die man nur perfekt gestylt besuchen sollte. Ich würde ja ab und an gern so ganz entspannt an einigen teilnehmen, an Glühweinständen rumstehen und ratschen, Zuckerwatte und Bosna essen. Gerne auch mit ausreichend Zeit vorab zum Frisieren. Es gibt nur ein kleines Problem: der prall gefüllte Adventskalender. Hinter dem kleinen Türchen ist dann täglich eine Aufgabe wie Geschenke besorgen, Baum kaufen, Adventskranz basteln, Heim dekorieren, Geschenke einpacken. Zumindest nehme ich alles lockerer als früher. Habe die 100 Prozent ungefähr nach der Grundschulzeit meiner Kinder hinter mir gelassen.

Doch die Geschenkekauferei gestaltet sich in diesen Wochen immer wieder aufregend, fast wie im Film mit „Winter Wonderland“ als Hintergrundmusik. Ich rumpele mit meinem vollbeladenen Einkaufswagen im Slalom um die unübersehbaren Berge an Weihnachtsangeboten, knapp an einer Familie vorbei, deren Kinder partout nicht aus dem Weg gehen. Ein bisschen mehr Erziehung könnte man dem einen oder anderen schon angedeihen lassen. Was ärgere ich mich nur? Sind ja nicht meine.

Ich packe noch Adventskalender ein, schnappe mir ein paar hübsche Weihnachtskugeln und steuere gezielt Richtung Ausgang. Alles planmäßig. Die Warteschlange ist lang. (Ich bin ja immer wieder erstaunt wie man mit diesen gefühlt 5 cm langen Krallen auf die Kassentastatur einklopfen kann. Tut das nicht weh?) Ganz in Gedanken versunken erschrecke ich mich als mich jemand von hinten anrempelt. Mein Gesichtsausdruck entspricht sicher meinem Zustand: zersaust und ungeschminkt, schwitzend in der fetten Daunenjacke, Sabberflecken unseres Labradorbabys auf der Hose, Meerschweinchenhaare auf dem Pulli. „Form des Lebens“ würde ich es nicht bezeichnen.
„Weißt noch Last Christmas?“, fragt jemand überzogen freundlich. Ich drehe mich um und blicke einer schick gekleideten Mutter ins Gesicht. Verdammt, wie heißt die nochmal? Wir hatten uns mal bei irgendeiner Weihnachtsfeier unterhalten. Ich kenne ja immer nur die Namen der Kinder. Wie beim Gassi gehen, ich kenne alle Hundenamen.
„Bist du auch so im Weihnachtsstress? Also ich komme zu gar nichts! Du weißt, mein Morgensport und dann noch der Termin bei der Nageltante. Und ich muss noch meine Tochter zur Freundin fahren. Du weißt ja, die Bernadette. Und Florian muss zum Musikunterricht. Der Oma geht´s auch nicht so gut. Und heute muss ich noch 5 vegane Plätzchensorten backen. Was bringst du morgen zum Schulfest mit?“, will diese immer noch namenlose, von oben bis unten gestylte Mutti auf Stöckelschuhen und perfekter Welle von mir wissen. Mein Mitleid hält sich nach 8 Stunden Arbeit und 2 Stunden Hausputz in Grenzen. Mein schlechtes Gewissen allerdings auch. Meine Kekse kann man nicht essen. Und ganz ehrlich: ich bin in einem Alter angekommen, da habe ich keinen Bock mehr auf Notlügen. Während ich teuer gekaufte Plätzchen in den Kindergarten einschleuste, mache ich mir heute nicht mehr die Mühe.

„Schau ich so aus als würde ich heute noch backen? Ich kaufe welche wie immer. Für die nicht Veganen, wie immer“, erwidere ich. Mein Gegenüber ist sprachlos. Endlich. Ist ja nicht so, dass sie mit ihren frisch lackierten Nägeln heute noch einen Teig durchkneten würde. Nur zugeben würde sie es nicht. Aber ich auch nicht, dass ich ihren Namen nicht kenne.

Jetzt drive ich home for Christmas. Oh, Tannenbaum! Lasst es euch gutgehen!