Das Bernauer Ehepaar Sollich zieht verwaiste Wildvögel auf

Hanni, Ida, Fridolin, Bruni, Pinky, Josy, Emma und Emmi: In regelmäßigen Abständen bekommen Marion und Franz Sollich im wahrsten Sinne des Wortes einen Vogel. Es ist also immer tierisch viel los in diesem gemütlichen, geräumigen Haus mit wunderbarem Garten direkt am Naturschutzgebiet in Bernau.

Kaum haben wir das Haus der Sollichs in Bernau betreten, werden wir schon von einem fröhlichen Zwitschern begrüßt. Mitten in der Küche sitzt in einem Aufzuchtkäfig Bruni, eine kleine Amsel mit braunen Federn, die bereits erwartungsvoll nach der neuen Vogelmama Ausschau hält. Mit viel Geduld füttert Marion Sollich das junge Tier mit Hilfe einer Pipette. Es gibt nur das Beste vom Besten: frische Mehlwürmer, Brei, geriebene Sonnenblumenkerne. Es ist spürbar, welch Vertrauen der kleine Gast in die Marion hat, sich an die schützende Hand schmiegt und sich streicheln lässt. Marion und Franz päppeln liebevoll kleine Waisenvögel auf und entlassen diese nach umfangreicher Pflege und Aufzucht wieder in die Freiheit.

Angefangen hatte es vor etwa zwei Jahren mit Amselbabys, die im benachbarten Garten aus dem Nest gefallen sind. Kurzerhand besorgten sich Marion und Franz den ersten Aufzuchtkäfig und nahmen sich den noch ungefiederten Babys an. Leider litten sie an einer Krankheit, aus diesem Grund hatte die Mutter sie aus dem Nest geworfen. So hatten Marion und Franz keine Chance. Doch die beiden fassten den Entschluss Wildvögeln, die aus dem Nest fallen, zu helfen und wälzten jede Menge Fachliteratur. „Es ist wichtig, erstmal ein paar Stunden zu beobachten, ob die Vogelmutter ihren Nachwuchs am Boden weiterfüttert. Um die Kleinen zum Beispiel vor Katzen zu schützen, könnte man auch einen luftdurchlässigen Schutz wie ein Küchensieb vorsichtig über sie stülpen“, sagt Marion. Denn oft schadet leider auch gut gemeinte Hilfe. „Manche versuchen die Babys zu füttern und wissen nicht, dass sich bei Vögeln die Luftröhre direkt im vorderen Innenbereich des Schnabels befindet. So träufeln sie das Wasser über die kleine Öffnung, versehentlich direkt in die Atemröhre, und der Vogel erstickt“, warnt Marion. Mittlerweile können Marion und Franz auch das Alter der kleinen Piepmätze gut einschätzen. Gefüttert werden sie, bis der Schnabel gelb ist. Je jünger die kleinen Gäste sind, desto öfter muss gefüttert werden. Das bedeutet auch mal jede halbe Stunde tagsüber. So ist es für die beiden Justizvollzugsbeamten absolut selbstverständlich, sich auch mal in der Mittagspause der Vogelfütterung zu widmen. Und wenn es zeitlich knapp wird, kümmert sich Sohn Franz, denn die Liebe zu den Tieren liegt in der Familie.

Im Garten gackern nicht nur Hühner, es zwitschern wunderschöne Nymphensittiche in einem neuen Vogelparadies. Nachdem ihr Besitzer verstorben ist, haben die Sollichs sie in die Familie aufgenommen. Und damit sie noch mehr Platz haben, baute Franz Sollich am Haus eine große Voliere mit Schutzbereich und Wärmelampen für kalten Wintertage. In einem weiteren Aufzuchtskäfig freuen sich Spatzen über die leckere Mahlzeit, die Marion ihnen reicht. „Wenn sie die Rosinen, verschiedene Kerne selbst vom Boden aufpicken können, dann sind sie bereit für die Freiheit.“
Nachdem Marion Sollich in einem der größten Facebook-Gruppen, „Chiemgau – da bin i dahoam“ sich angeboten hat, junge Vögel aufzunehmen, bringen Tierfreunde aus der Region nach telefonischer Absprache immer wieder kleine Waisen vorbei. „Größere Vögel als Amseln können wir allerdings nicht aufnehmen, denn da fehlt es uns sowohl an Platz als auch an Fachkenntnis. Da gibt es aber eine Chiemgauerin, die sich auf Greifvögel spezialisiert hat“, weiß Marion. „Außerdem achten wir auch immer darauf, dass die Vögel gesund sind. Leider geht unter den Amseln das tödliche Usutu-Virus um.“

„Wenn wir sie entlassen, versuche ich, mir keine Gedanken zu machen, wie es in der freien Natur für sie weitergeht. Wir schauen, dass die Vögel nicht zu handzahm werden“, sagt Marion nachdenklich. Meistens ist ein Abschied für Immer, also gibt es ein weinendes Auge und ein lachendes über die Freude, wieder ein Leben gerettet zu haben. Aber manchmal kommt doch noch der eine oder andere auf eine Stippvisite vorbei wie im August der Feldsperling Ida, und wenn es dann noch etwas zum Naschen gibt, umso größer die Freude der Besucher.